Es gab ein altes Berufsbekleidungsgeschäft in einer kleinen, grauen Gasse in Wien, die ich täglich auf meinem Schulweg, als Kind in den 70er Jahren, durchquerte. Ich sah die alte Schaufensterpuppe, in weißen Kitteln gekleidet. Immer gleich, immer farblos, immer allein.

"Heute hat sie einen bunten, geblümten Kittel angehabt!" "Das ist ein Hauskleid", erklärte mir meine Mutter.

"Heute hat sie das erste mal gelächelt!" "Ja, sicher", sagte meine Mutter.

Sie hat gelächelt, die einsame Puppe. Sie liebt Farben. Wie ich.

Das Geschäft gibt es schon lange nicht mehr, die Schaufensterpuppe schon.

Sie trägt jetzt bunte Kleider - in meinem Beauty Museum. Sie lächelt.

Einige alte Kolleginnen aus anderen, mir unbekannten Geschäften, haben sich schon zu ihr gesellt.

Abwechselnd  dürfen sie wieder in die Auslagen, so wie sie es früher taten. Alle lieben es, bewundert und fotografiert zu werden.

Die Fotoapparate sind anders, moderner geworden. Auch Handysticks sind oft auf sie gerichtet, doch das stört sie nicht.

Die Schaufensterpuppengruppe wächst weiter. 

Kein Ende in Sicht.